
| WM in Perth- die schwerste Regatta unserer Sportlerlaufbahn!
 Diese 470er WM in Perth war bis jetzt das härteste Event unserer jungen Sportlerlaufbahn.
Es gibt so viele Einzelheiten, Fakten und Gerüchte zu unserer tragischen Olympiaqualifikation. Daher ist es unser ein Anliegen, Euch detailliert zu schildern, was in Australien passiert ist. Wir wollen ebenfalls damit erreichen, dass in den Netzwerken nicht von falschen Informationen ausgegangen wird.
Im November reisten wir in Australien an, um uns an den Wind, den bekannten „Fremantle Doctor“ zu gewöhnen. Anfangs lief es gar nicht gut für uns. Schon beim allerersten Training brachen wir unseren besten Mast und es sollte noch zwei weitere Wochen dauern, bis wir endlich wieder zu unserer Top-Geschwindigkeit fanden.
Wir mussten uns gedanklich mit der Situation auseinander setzten, dass wir, um das Olympiaticket zu lösen, im Endergebnis zwei Plätze vor Kadelbach/Belcher liegen mussten. Kathrin und Rike sind ernst zu nehmende Seglerinnen für uns.
Mit dem Startschuss zur WM kam unsere Leistung zurück. Ein sechster und ein vierter Platz an den ersten beiden Tagen zeigten klar, dass wir in Perth in der richtigen Form waren. Nach vier Wettfahrten lagen wir mit 30 Punkten vor Kadelbach/Belcher auf Platz elf im Gesamtergebnis.
Der dritte Regattatag sollte der Wendepunkt unserer WM werden und unsere Euphorie durch Frustration ablösen. Während der Vorstartphase zum fünften Rennen erzeugten Kadelbach/Belcher eine Protestsituation, während wir auf Steuerbordbug einen Startlinienplatz suchten. Als wir bei drei Minuten vorm Start zum Kringeln gezwungen wurden, war uns bewusst: Hier wird nun mit anderen Karten gespielt!
Sobald wir unsere Strafdrehungen erledigt hatten, klebten die Mädchen an unserem Heck. Egal wo wir starten wollten, Kathrin und Rikes Ziel war es, einen guten Start zu verhindern.
Im fünften Rennen kamen wir trotz Match Racing gut ins Ziel. Match Racing ist eine Form von Segeln, bei der es darauf ankommt, vor einem einzigen Gegner im Ziel zu sein. Die 470er WM war allerdings als Fleetrace ausgeschrieben, in dem man sich in jeder Wettfahrt mit allen Gegnern misst. Die Taktik des Match Racings und die des Fleetracings sind daher nicht miteinander zu vereinbaren!
Wir starteten weit links, um Kadelbach/Belcher am Start zu entkommen. Alle internationalen Spitzenteams setzten jedoch auf die rechte Startseite. Wir hatten Glück, denn es stellte sich heraus, dass die linke Kreuzseite besser war. Obwohl Kathrin und Rike jeden Schlag mit uns mitfuhren und uns abdeckten, kamen wir durch eine gute Kreuztaktik beide unter den Top 10 an der Luvtonne an. Wir wurden elfte und Kadelbach/Belcher sechste. Für die beiden Mädels war das die beste und die einzige Wettfahrt bei der WM unter den Top 10!
Im sechsten Rennen ging das Spiel wieder von vorn los. Ab etwa. vier Minuten vor dem Start klebten Kadelbach/Belcher an unserem Heck und versuchten uns zu einem Match Race herauszufordern. Die anderen 470er Seglerinnen und Trainer schauten dabei nur kopfschüttelnd zu.
Der darauffolgende Tag war glücklicherweise ein Ruhetag. Während andere Sportler sich vom Segeln ablenkten und sich entspannten, saßen wir im Apartment, lasen Regelbücher, Reglements der ISAF und hatten einen Crashkurs im Match Racing.
Wir waren froh, diesen Tag frei zu haben, denn so konnten wir uns mental auf diese neue und noch nie dagewesene Situation einstellen.
Am vierten Renntag segelten wir auf dem Central Course, der Regattabahn, die direkt neben der Mole des Perth Royal Yacht Club liegt. Ganz Perth sah zu, wie sich zwei deutsche Boote umzingelten, während das restliche Feld startete und in Richtung Luvtonne segelte.
An diesem Tag fielen wir durch die Plätze 25 und 34 vom elften Platz der Gesamtwertung auf den 20! Unser Traum vom Medal Race bei der WM war damit hinüber.
Am Abend legten wir Protest gegen Kadelbach/Belcher auf Grund von Regel 2 „Unfaires Segeln“ ein. Es war unsere letzte und einzige Chance diese unfaire Art des Segelns nicht kampflos zu akzeptieren.
Der Protest wurde zu Gunsten von Kadelbach/Belcher entschieden. Wir zweifeln diese Entscheidung jedoch aus folgenden Gründen an:
Noch vor drei Wochen wäre dieser Fall von der Jury für uns entschieden worden. Erst am 28. November, fünf Tage vor Beginn der WM, wurde der Q&A so geändert, dass Match Racing gegen ein anderes Boot erlaubt ist, sofern daraus Vorteile für den Angreifer entstehen.
Q & A´s sind keine festen Regeln sondern nur eine meinungsbildende Unterstützung der Jury, Sonderfälle richtig zu bewerten.
Gehen wir davon aus, dass der Erstplatzierte auf der letzten Kreuz den Zweitplatzierten in Form von Match Race Taktiken absichert, ist es sicherlich eine übliche und anerkannte Taktik, die noch nie angezweifelt wurde. Wenn aber ein Boot im Fleetrace so behindert wird, dass es am eigentlichen Rennen gar nicht mehr teilnehmen kann, ist die Auslegung des Q&A´s und somit die Entscheidung der Jury anzuzweifeln.
Der DSV Olympiaqualifikationsmodus wurde unter dem vorherig geltenden Q&A geschrieben. Match Racing Taktiken waren zu dem Zeitpunkt von der ISAF ausgeschlossen und wurden daher auch nicht im Olympiaqualifikationsmodus des DSV besonders berücksichtigt. Somit wurde mit der Änderung des Q&A´s A1 am 28. November 2011 eine Regelinterpretation geschaffen, die vom DSV eigentlich nicht so gewollt war.
Wir wissen bis heute nicht, warum die ISAF die Q&A´s so kurzfristig vor der Weltmeisterschaft änderte und warum diese wichtige Änderung, die unseren gesamten Qualifikationsmodus auf den Kopf stellt, uns nicht mitgeteilt wurde.
Andere Nationen, wie zum Beispiel die Briten, hatten dieses Problem des internen Match Racings nicht, da es vom nationalen Verband ausdrücklich verboten war . Segler aus der eigenen Nation nach hinten zu segeln wird in diesen Ländern grundsätzlich ausgeschlossen und mit einer Sperrung von der Meisterschaft bestraft.
Vor dem neunten Rennen, als andere Seglerinnen den Kurs checkten und letzte Verbesserungen am Trimm vornahmen, bestand unsere Vorbereitung für das Rennen darin, ein Match Race mit unserer polnischen Trainingspartnerin zu simulieren.
Man sah ein polnisches und ein deutsches Boot, die sich umkreisten und sich mit allen Künsten des Match Racings behinderten. Vorbeifahrende Coaches grinsten und sagten: „Crazy Germans.“. Jedem war klar, dass diese unübliche Regattavorbereitung alleine Abwehr der kommenden Attacken von Kadelbach/Belcher diente.
Das neunte und zehnte Rennen waren die wichtigsten der gesamten WM Serie. Wir wussten: Segeln wir zwei gute Rennen, können wir es auf den 18. Platz schaffen und somit genug Punkte erreichen, um die Olympiaqualifikation zu gewinnen. Wir wussten jedoch auch, dass ein Platz hinter dem 18. bedeutet, dass wir Kadelbach/Belcher das Olympiaticket sichern. Es ging um alles oder nichts.
Das neunte Rennen wurde für uns zu einem emotionalen Desaster. Wir kamen am Start schlecht raus, wodurch Kathrin und Rike die Möglichkeit gegeben wurde, uns zu decken.
Die ganze Kreuz wurde uns wieder keine Chance gegeben uns frei zu segeln. Jede Wende, jedes Manöver fuhren die beiden mit und sogar die Segel ließen sie flattern um auf uns zurückzufallen. Als wir durch diese Taktik auf den fast letzten Platz zurückfielen, gaben wir das Rennen unter Tränen auf. Wir waren der Meinung, wir gehören nicht auf den viertletzten Platz und segelten aus Respekt vor unserer eigenen Leistung nicht durch das Ziel.
Die nächsten Minuten waren die traurigsten unserer Segelkarriere. Wir wussten, dass wir soeben den Kampf verloren hatten und die Olympiaqualifikation Deutschlands nun in unseren Händen lag. Uns erwarteten im nächsten Rennen wieder das übliche Match Racing Spiel, doch anstatt zu kämpfen war uns einfach nur zum Weinen zu Mute.
Für unser Selbstbewusstsein und um unsere Arbeit der letzten drei Jahre zu würdigen, mussten wir dieses Rennen gut abschließen. Unser Trainer Zizi riet uns daher einen einhundertprozentig risikoreichen Start zu fahren, da wir nichts mehr zu verlieren hatten. Erst bei drei Minuten vorm Start wischten wir uns die letzte Träne aus den Augen, wehrten das deutsche Matche Race Team ab und rasten mit dem Startschuss über die Startlinie.
Zum Glück hatte der Wind zugelegt, so dass wir unsere Emotionen in puren Bootsspeed umsetzen konnten. Es wurde eine Wettfahrt die ich nie vergessen werde! Das Gefühl, endlich normal Segeln zu können - einfach purer Luxus!
Vor dem Passieren der Ziellinie, die wir als neunter und weit vor Kadelbach/Belcher (29.) überquerten, verzichteten wir auf jegliche taktischen Varianten. Immerhin stand die Teilnahme Deutschlands bei den Olympischen Spielen auf dem Spiel!
Natürlich war uns bewusst, dass wir Kadelbach/Belchers Teilnahme an den Olympischen Spielen hätten verhindern können, wenn wir bei der WM in Barcelona mit gleichen Mitteln gegen sie angetreten wären. Aber nicht nur unser sportliches Ehrgefühl, sondern auch unser Verständnis von Fairness und der olympische Gedanke schließen so ein Verhalten aus.
Es fühlt sich komisch an, die Olympiaqualifikation auf so unsportliche Art und Weise verloren zu haben, obwohl wir seglerisch die Besseren waren und uns nicht hätten optimaler vorbereiten können.
Bis keine endgültige Entscheidung über unsere Olympiaqualifikation vom DOSB gefallen ist werden wir weiter kämpfen. Für uns geht es schließlich um die gesamte Arbeit der letzten drei Jahre!
Wir wollen eine neue Ausscheidungsregatta bei der WM in Barcelona erreichen, die zeigen soll wer das bessere Team im Fleetracing ist.
Wir wollen wissen, wie Segeldeutschland den Fall bewertet, und wie sich Segeldeutschland auf der Olympiade im 470er W vertreten sieht.,
Schreibt uns gerne Eure Meinung! Wir freuen uns über viele, unterschiedliche und konstruktive Beiträge.
Eure Tina & Sanni
22.12.2011
| |